evcc und Open Source: Wann wurde aus Sponsoring ein Bezahlschranken-Modell?
evcc gilt als eines der bekanntesten Open-Source-Projekte rund um PV-Überschussladen und Energiemanagement. Der Quellcode liegt weiter öffentlich auf GitHub, gleichzeitig sind inzwischen zahlreiche Wallbox-Integrationen nur noch mit einem Sponsor-Token nutzbar. Die interessante Frage ist deshalb nicht „Ist evcc Open Source?“, sondern: Wie weit darf ein Open-Source-Projekt gehen, wenn zentrale Bestandteile nur noch gegen Geld funktionieren?
Hobbyprojekt → Energiemanagement-Plattform → Sponsoring → Bezahlschranke?
DIE ENTWICKLUNG
Vom Hobbyprojekt zum Energiemanagement-System
evcc begann als kleines Hobbyprojekt mit einer einfachen Idee: überschüssigen Solarstrom intelligent zum Laden des Elektroautos nutzen. Daraus ist längst mehr geworden, mit Ladeplanung, Batteriespeicher-Steuerung, Wärmepumpen und zahlreichen Wechselrichtern, Wallboxen und weiteren Komponenten.
2022: Bereits mehrere tausend Installationen
evcc nannte selbst mehr als eine Million Docker-Pulls und rund 4.500 Paketdownloads pro Tag, bei einem Projekt, das weiterhin in der Freizeit entwickelt wurde. Eine nachhaltige Finanzierung wurde notwendig.
November 2022: Das Sponsoring startet
Bestimmte Wallbox-Typen und die Telemetrie-Funktion wurden Sponsoren vorbehalten. Sponsoring kostete mindestens 2 US-Dollar im Monat, alternativ 100 Dollar einmalig für ein unbefristetes Token.
„Der Code bleibt offen"
Das Team bezeichnete das Modell ausdrücklich als Weg zur nachhaltigen Finanzierung, nicht als Verkauf einer Softwarelizenz. Der Grundgedanke: Der Code bleibt offen, die Community finanziert die Weiterentwicklung.
DIE ENTSCHEIDENDE VERÄNDERUNG
OCPP wird sponsor-pflichtig
Mit Version 0.130 am 17. August 2024 wurde die OCPP-Unterstützung offiziell zu einer Funktion, für die Sponsoring erforderlich ist. Das ist deshalb bemerkenswert, weil OCPP für viele moderne Wallboxen die zentrale, teils einzige Steuerungsmöglichkeit ist.
Das evcc-Team begründete den Schritt im offiziellen Release-Blog: OCPP sei bei vielen kommerziellen Wallboxen zum bevorzugten Kommunikationsprotokoll und oft zur einzigen Steuerungsschnittstelle geworden. Deshalb sei es fair, gerade gegenüber Nutzern anderer Wallboxen, dass OCPP-Unterstützung Sponsoring erfordert und damit das gesamte Projekt mitträgt.
Das ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, wie viel Entwicklungszeit eine einzelne Schnittstelle binden kann, die anschließend für eine große Zahl kommerzieller Geräte verwendet wird. Gleichzeitig änderte sich dadurch die Wahrnehmung des Projekts: Ein Nutzer konnte plötzlich feststellen, dass seine konkrete Wallbox zwar grundsätzlich unterstützt wird, ohne Sponsor-Token aber nicht funktioniert. Das fühlt sich für viele nicht mehr wie eine freiwillige Spende an.
2026
Die Preiserhöhung, die Community eskaliert
Anfang 2026 wurden die Sponsoringpreise deutlich angehoben: monatlich von 2 auf 4 US-Dollar, einmalig von 100 auf 150 US-Dollar. Das Team begründete das mit gestiegenen Kosten, Wechselkursen, dem gewachsenen Funktionsumfang und dem Ziel, evcc langfristig nachhaltig weiterzuentwickeln.
Auch neue Zahlungsoptionen kamen dazu
Neben dem monatlichen und dem einmaligen Modell bietet evcc inzwischen zusätzlich ein automatisch verlängerndes Jahres-Abo für 50 € an, eine Zwischenstufe zwischen der monatlichen Zahlung und dem Lifetime-Token.
Aus Projektsicht ist die Preiserhöhung schlüssig, evcc ist nicht mehr das kleine Projekt von 2020. Problematisch war eher das Timing: Die Erhöhung fiel in eine Zeit, in der gleichzeitig immer mehr Geräte an ein Sponsor-Token gekoppelt wurden. Aus „Ich unterstütze ein tolles Open-Source-Projekt freiwillig“ wurde für manche Nutzer zunehmend „Ich muss bezahlen, damit meine Hardware überhaupt funktioniert“.
DIE ENTSCHEIDENDE FRAGE
Ist evcc überhaupt noch Open Source?
Das zentrale Repository steht weiterhin öffentlich auf GitHub, der Kern gilt als MIT-lizenziert. Gleichzeitig steht in der Lizenzdatei ausdrücklich:
Note: All sponsor-required components are excluded from the MIT License. Der gesamte Code im Repository ist damit nicht automatisch vollständig unter derselben MIT-Lizenz nutzbar. Ein Teil der Komponenten ist ausgenommen und unterliegt dem Sponsormodell, für eine eigene Nutzung außerhalb von evcc verlangt das Projekt laut Lizenztext sogar eine individuelle Lizenzvereinbarung. Die Kurzform „evcc ist MIT-lizenziertes Open Source“ ist damit nicht falsch, lässt aber einen wichtigen Teil der Realität weg.
Das GitHub-Issue, das die Debatte anstieß
Im Juni 2026 eröffnete ein neuer Nutzer das Issue „Clarify paywall and non-open-source license upfront„. Sein Kritikpunkt: Erst nach erheblichem Konfigurationsaufwand habe er festgestellt, dass etwas mehr als die Hälfte der unterstützten Wallboxen, einschließlich OCPP als generischer Fallback-Option, ein kostenpflichtiges Token benötigt.
Er forderte zweierlei: eine deutlichere Kommunikation bereits auf der Startseite, und eine klare Aussage dazu, was mit dem Code passiert, sollte die Entwicklung eingestellt werden. Denn ein Fork könnte die sponsor-gebundenen Wallbox-Integrationen unter einer reinen MIT-Lesart nicht einfach übernehmen. Als mögliche Lösung schlug er unter anderem zeitverzögerte Lizenzen vor, bei denen Code nach einer bestimmten Frist automatisch frei wird, eine in der Open-Source-Welt bekannte, aber von evcc bislang nicht verfolgte Idee.
ZWEI EINORDNUNGEN
„Mehr als die Hälfte" und was Open Source bedeutet
Stimmt „mehr als die Hälfte der Wallboxen kostet Geld"?
Eine offizielle Statistik von evcc dazu gibt es nicht. Was es gibt, ist die Zählung eines einzelnen Nutzers im genannten GitHub-Issue, keine repräsentative Erhebung des Projekts. Trotzdem ist sie bemerkenswert: Wenn ein erheblicher Teil der unterstützten Geräte nur mit Sponsoring funktioniert, ist die Frage berechtigt, ob man noch von einer komplett kostenlosen Lösung sprechen sollte, nicht beim Quellcode, aber beim Produkt, das der normale Anwender tatsächlich benutzt.
Open Source bedeutet nicht automatisch kostenlos
Ein einfacher, berechtigter Einwand aus der Community: Die MIT-Lizenz untersagt Entwicklern keine Einnahmen. Open Source und Freeware sind zwei unterschiedliche Dinge, ein Projekt kann offen sein und trotzdem Geld verdienen, Red Hat ist dafür ein bekanntes Beispiel. evcc argumentiert zusätzlich, dass gerade die Community-Finanzierung unabhängig von einzelnen Wallboxherstellern oder Investoren mache.
ZWEI LAGER
Die Community diskutiert nicht nur über den Preis
Die eigentliche Frage lautet weniger „Dürfen die Entwickler Geld verlangen?“, sondern: Wie transparent muss ein Open-Source-Projekt sein, wenn Geldzahlungen Voraussetzung für zentrale Funktionen werden?
Kritik: Transparenz
In einer Diskussion im deutschsprachigen Photovoltaik-Subreddit wurde kritisiert, dass nicht öffentlich nachvollziehbar sei, wie viel Geld das Projekt einnimmt und wie es verteilt wird. Wer zahlt und dafür ein Token bekommt, erhält faktisch eine Gegenleistung, das unterscheidet sich in der Wahrnehmung von einer klassischen freiwilligen Spende.
Gegenposition: fairer Preis
Andere Nutzer widersprechen deutlich: Warum sollte ein Entwickler seine Arbeitszeit kostenlos zur Verfügung stellen, warum müsste ein Projekt seine Einnahmen offenlegen? 4 Dollar im Monat seien im Verhältnis zum Nutzen sehr wenig, kommerzielle Alternativen kosteten spürbar mehr.
Was evcc tatsächlich leistet
Wer selbst hosten will, kann das, muss dann aber auch die Integrationen selbst pflegen. Genau das ist die eigentliche Leistung: nicht die Oberfläche, sondern die enorme Menge an Hardware, Protokollen und Sonderfällen, die zuverlässig zusammenspielen müssen, während Hersteller-APIs sich laufend ändern.
DAS FÖRDERSYSTEM
Karma-System, seine Grenzen und das Tesla-Beispiel
evcc macht aus dem Sponsoring kein Geheimnis. Open-Hardware-Wallboxen, Produkte mit gutem Community-Karma und Hersteller, die evcc aktiv unterstützen, funktionieren ohne Token, ebenso einfache Schaltsteckdosen und Plugins.
Das Karma-Prinzip
Wer offene Hardware baut oder aktiv mit dem Projekt zusammenarbeitet, wird nicht wie ein Hersteller behandelt, dessen proprietäre Hardware viel Entwicklungsarbeit verursacht. Zusätzlich vergibt evcc kostenlose Contributor-Token an Entwickler mit signifikantem Code-Beitrag zum Projekt.
Wo es nicht sauber greift
Im April 2026 beschwerte sich ein Nutzer, dass seine offene Hardware (SmartEVSE) trotz Open-Hardware-Versprechen ein Sponsor-Token verlangte. Das wirkte eher wie ein technisches Implementierungsproblem als eine bewusste Regelverletzung, zeigt aber: Das Karma-System greift in der Praxis nicht immer zuverlässig.
Tesla: nicht jede Kostenfrage kommt von evcc
Tesla führte 2025 ein nutzungsabhängiges Gebührenmodell für seine Fahrzeug-API ein. evcc erklärte im Januar 2025, diese Kosten hätten das damalige 2-Dollar-Sponsoring für viele Nutzer überstiegen. Statt die Integration kostenpflichtig zu machen, müssen Nutzer seither einen eigenen, für Privatnutzer kostenlosen Tesla-Entwickleraccount verwenden.
EINORDNUNG
Drei Vorstellungen von Open Source
Die Diskussion um evcc lässt sich nicht sinnvoll mit „Abzocke“ oder „alles völlig fair“ beantworten, dafür ist die Situation zu komplex. Es treffen drei unterschiedliche Vorstellungen aufeinander, und evcc bewegt sich inzwischen irgendwo zwischen ihnen:
| Klassisches Open Source | Code offen, jeder kann nutzen, verändern, forken. Kosten höchstens für Infrastruktur oder freiwilligen Support. |
| Open Source mit kommerzieller Finanzierung | Quellcode bleibt offen, Entwickler dürfen Geld verdienen. Bestimmte Zusatzleistungen oder teure Integrationen können kostenpflichtig sein. |
| Source Available | Code ist öffentlich einsehbar, aber nicht jeder Bestandteil darf frei genutzt, verändert oder weiterverwendet werden. |
FAIRE EINORDNUNG
Was evcc zugutehalten werden muss, und was besser sein könnte
Nichts davon kam über Nacht
evcc hat sich nicht heimlich in eine kostenpflichtige Software verwandelt. Die Entwicklung ist öffentlich dokumentiert: Sponsoring seit November 2022, OCPP seit August 2024, Preisanpassung 2026, jeweils mit eigenem Blogpost begründet. Man kann diese Entwicklung kritisieren, aber kaum behaupten, sie sei völlig überraschend gekommen.
Die Erwartungshaltung ist der eigentliche Schwachpunkt
Der stärkste Kritikpunkt betrifft weder Preis noch Sponsoring-Modell an sich, sondern die Erwartung. Wer eine Open-Source-Seite besucht, evcc installiert, seine Wallbox auswählt und erst dann feststellt, dass sie ein Sponsor-Token braucht, ist zu Recht frustriert. Ein deutlicher Hinweis bereits auf der Startseite, wie „evcc ist Open Source, für viele kommerzielle Wallboxen ist jedoch ein Sponsor-Token erforderlich“, wäre die naheliegende Lösung und wurde genau so auch im GitHub-Issue gefordert.
FAZIT
Kein „böses" Projekt, aber ein anderes als früher
Die Behauptung „evcc ist nicht mehr Open Source“ ist zu pauschal, der Code ist weiterhin öffentlich und der Kern steht unter einer Open-Source-Lizenz. Genauso falsch wäre aber „evcc ist komplett kostenlos und vollständig frei nutzbar“, das stimmte spätestens seit dem Sponsoring-Modell von 2022 nicht mehr, und die Abhängigkeit vom Sponsor-Token ist seither spürbar gewachsen.
Die interessanteste Entwicklung ist dabei nicht der Sprung von 2 auf 4 Dollar. Es ist die schleichende Verschiebung dessen, was „Sponsoring“ bedeutet: 2022 konnte man noch sagen „ich unterstütze das Projekt freiwillig und bekomme dafür einige Zusatzfunktionen“. Heute kann ein Nutzer in die Situation kommen, seine bereits gekaufte Wallbox nur mit Sponsoring nutzen zu können. Das ist funktional ein anderer Ansatz, auch wenn beides unter demselben Wort läuft.
Vielleicht wäre ein anderer Begriff inzwischen ehrlicher: Open Source mit kostenpflichtigen Komponenten. Das beschreibt ziemlich genau, was evcc heute ist, und dürfte am Ende auch der Community am meisten helfen: weniger Streit, wenn jeder Nutzer schon vor der Installation weiß, was wirklich frei ist und wofür er zahlen muss.
FAQ
Häufige Fragen zu evcc und dem Sponsoring
QUELLEN
Quellen und Links
- evcc-io/evcc auf GitHub (Repository und Lizenz)
- evcc-Dokumentation: Sponsorship
- evcc-Blog: OCPP wird sponsor-pflichtig (August 2024)
- evcc-Blog: Tesla-API-Update (Januar 2025)
- GitHub-Issue #30449: Clarify paywall and non-open-source license upfront
- GitHub-Issue #29187: SmartEVSE trotz Open Hardware token-pflichtig
PV-Überschussladen sauber einrichten?
Ob Energiemanagement, Netzwerk oder Server: Nutzen Sie unsere IT-Leistungen.


